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Wert(h)volle Briefe auf historischem Boden

Jürgen Werth schreibt an Dietrich Bonhoeffer

 

Der eine Theologe, der andere Journalist. Der erste geboren 1906, der andere 1951. Da war der erste schon 6 Jahre tot, von den Nazis kurz vor Kriegsende des zweiten Weltkrieges im KZ Flossenbürg gehängt. Vorausgegangen waren Gefängnisaufenthalte in Berlin-Tegel, im KZ Buchenwald und dann die Verschleppung ins KZ Flossenbürg. In dieser Zeit hat der erste, der Theologe Dietrich Bonhoeffer, viele Briefe geschrieben, die später überwiegend in dem Buch „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht wurden. Der andere, der Journalist Jürgen Werth, hat nun einige davon aufgegriffen und sie beantwortet. Mit Abstand, mit völlig anderem Erfahrungshorizont, aber mit Sensibilität, Empathie und äußerst interessanten Botschaften aus unserer Welt.

 

Vorgestellt von Steve Volke

 

Wer hat´s geschrieben:

 

Dietrich Bonhoeffer wurde am 5. April 1943 von der Gestapo verhaftet. Er sollte nie wieder freikommen. In dieser Zeit hat er viele Briefe geschrieben. An die Eltern, an seinen Kollegen und Freund Eberhard Bethge, an seine Verlobte Maria von Wedemeyer.

 

Jürgen Werth ist Journalist, Moderator, Buchautor und Liedermacher. Über 41 Jahre hat er bei ERF Medien als Chefredakteur, Programmdirektor und Vorstandsvorsitzender gearbeitet. Aus seiner Feder stammen mehrere Musicals, unzählige Songs wie „Du bist du“ oder „So ist Versöhnung“ und viele Bücher.

 

Worum geht´s?

 

Zwei Menschen begegnen sich, ohne sich jemals begegnet zu sein. Zwei Menschen mit theologischem Background, denen dieselben Themen wichtig sind. Nichts an diesem Buch ist künstlich hingebogen oder konstruiert, sondern Bonhoeffers Themen sind weitergedacht und aus heutiger Sicht aufgegriffen. Die Abfolge der Briefe zeichnen ein biographisches Bild und zeigen, dass Bonhoeffer ein Beziehungsmensch war. Einer, dem andere wichtig waren. Und das nicht nur bezogen auf seine eigene Familie, sondern auch im Kreis der Mithäftlinge und selbst der Wachleute ging es ihm um die Menschen. Seine immer stärker werdenden sorgenvollen Gedanken um seine Familie, um seinen Kollegen Eberhard Bethge und um seine Verlobte Maria von Wedemeyer geben einen sehr guten Einblick in das Leben in Ausnahmezeiten und den Umgang mit immer auswegloser werdenden Entwicklungen. Wie geht man damit um, wenn einem der eigene Tod immer stärker vor Augen geführt wird?

 

Durch die zeitliche Abfolge der Briefe werden Bonhoeffers Gedanken und seine Entwicklung zu einem der wenigen weltweit bekannten deutschen Theologen deutlicher. Es ist nicht nur der Widerstandskämpfer, der Theologe, der Christ, sondern vor allem der Mensch, der fasziniert.

 

Manchmal braucht man einen Spiegel, um Dinge besser zu erkennen. Denn erst in der Spiegelung (oder im Dialog) kommt das Licht auch in die Ecken. Jürgen Werth nimmt diesen Dialog auf. Dabei widersteht er der Versuchung, Bonhoeffer zu interpretieren oder vor „den eigenen Karren zu spannen.“ Nein, dieser Briefwechsel wird sehr schnell zu einem fast schon vertrauten Gespräch, bei dem deutlich wird, dass Bonhoeffer auch uns im Jahr 2020 sehr viel zu sagen hat.

 

Und wie isses?

 

Es fängt relativ vorsichtig an. Wie würden wir reagieren, wenn wir immer noch die Hoffnung haben, dass sich die Situation bald zum Besseren ändert? 

Jürgen Werth hat in dieser Zusammenstellung sehr gut auf die Entwicklung geachtet, die Bonhoeffer bis zu seinem unausweichlichen Tod durchlaufen musste. Werths Antworten auf Bonhoeffers Briefe greifen die theologischen Fragen auf. Aber es wird nicht theologisiert, sondern „Gott im Ausnahmezustand“ als persönlich erlebbar gezeigt. War es nicht genau das, was Bonhoeffer nach seiner Zeit in New York prägte?

 

Für mich ein absolutes Highlight ist das Kapitel, wo es um die Themen „Warten und Schweigen“ geht (Brief 20.2.44 An die Eltern). Inspiriert durch Bonhoeffer formuliert Werth Worte, die in die Tiefe gehen und ins Herz treffen. Es geht um ein erfülltes Leben, um Lebensfragmente und die Frage, wann ein Leben vollendet, erfüllt zu nennen ist. 

Eine unglaubliche Aktualität kommt auch in dem Kapitel zutage, in dem Jürgen Werth auf das Bonhoeffer Gedicht „Nächtliche Stimmen“ antwortet. Werth holt Bonhoeffers Gedanken ins Heute - mit einer erstaunlichen Aktualität in Pandemiezeiten. Gott in der Krise unseres Lebens zu erfahren, wünschen sich viele in unser heutigen Zeit. Hier gibt es wert(h)volle Gedanken dazu.

 

Ohnehin wird das Buch an den Stellen besonders stark, wo der Lyriker dem Lyriker begegnet. Zum Beispiel bei der Antwort auf „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Und ein echter Knaller findet sich am Schluss des Buches durch die Verwendung von „Der Tod des Mose“, das zeitlich eigentlich früher lag. 

 

Ungewohnt, überraschend und würdigend, ohne ergeben zu sein, schafft Werth es, Bonhoeffer in unsere Welt zu holen. Wie verringert man den Generationen-Abstand, den kulturellen Abstand und den unterschiedlichen geistlichen Erfahrungshorizont? Dieses Buch ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es geht.

 

Der englische Literaturprofessor und Bestseller-Autor C.S. Lewis hat einmal gesagt, man könne die Qualität eines Buches daran erkennen, wie häufig man es lesen kann und immer wieder neue Aspekte darin entdecke. Dieses Buch von Jürgen Werth habe ich nicht zum letzten Mal in die Hand genommen. Es ist eine Schatzgrube.

 

Beurteilung:

5 von 5 Sternen

 

 

 

Jürgen Werth

Lieber Dietrich … dein Jürgen

Über Leben am Abgrund – ein Briefwechsel mit Bonhoeffer

Gütersloher Verlagshaus

192 Seiten

18,00 €

 

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