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Genug ist genug - den Tod vor Augen

Sie ist an ihre äußerste Grenze gekommen, hat fast alles verloren. Ihr Mann ist gestorben und als allleinerziehende Mutter hat sie jetzt den Kampf aufgegeben. Was ist ihr Leben noch wert? Was ist ihr geblieben? Nicht viel. Und so hat sie einen Entschluss gefasst: Eine Mahlzeit wird sie noch zubereiten – für ihren kleinen Sohn und sich. Und dann gibt es nur noch eine Lösung: den Tod.

 

Von Steve Volke

 

Das Leben hat tiefe Spuren hinterlassen, Wunden verursacht, die nicht heilen wollen. Mit dem Tod ihres Mannes ist ihr nicht nur die fürs Überleben wichtige Einnahmequelle verloren gegangen, sondern vor allem Sicherheit. Ihre Entscheidung, Schluss zu machen mit dem ganzen Unglück, ist getroffen. Und so legt sie für die Henkersmahlzeit das letzte Holzscheit aufs Feuer.

     

Eine ungewöhnliche Herausforderung

     

Gerade in dem Moment kommt ein Mann und stellt Forderungen. Er will ihr die letzte Mahlzeit streitig machen und äußert eine unverschämte Bitte: „Gib erst mir etwas zu essen, bevor du für dich und deinen Sohn etwas kochst.“

 

Ihre Antwort ist unmissverständlich: „Ich habe nichts mehr, außer einer Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich bereite etwas zu für meinen Jungen und mich – das wollen wir noch essen und dann wollen wir sterben.“

 

Die Witwe von Zerepta lässt sich trotzdem auf die Bitte des Fremden ein, und sie gibt das Letzte, was sie hat – für den Propheten Elia … und letztlich für Gott. Und ihre Hingabe wird belohnt:

 

Der Mehltopf wird nicht leer, und der Ölkrug versiegt nicht bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden fallen lässt.  (1.Kön. 17,8–24.)


Ein Erlebnis in Tansania

      

Ich erinnere mich an ein eindrückliches Erlebnis vor einigen Jahren in Tansania. Ich besuchte die ärmliche Hütte einer jungen Mutter. Ihre Einraumwohnung war wirklich ärmlich, beklemmend und für mich Westler fast nicht zu ertragen. So standen wir in ihrem Flur, der gleichzeitig Schlafraum, Küche, Waschraum und alles war, was wir auf 100 Quadratmetern verteilen würden. Sie hatte maximal 10 Quadratmetern für alles.

 

Und dann entdeckte ich auf einem Balken dieses kleine Glasschälchen, nicht viel größer als eine aufgeschnittene Zitrone. Wir würden es für gebrauchte Teebeutel als Ablage verwenden. Doch hier hatte es einen völlig anderen Zweck. Auf meine Frage, wofür dieses Schälchen sei, antwortete die Mutter, damit würde sie einkaufen gehen. Immer wenn sie etwas Geld hätte, was nicht so häufig vorkäme, würde sie mit diesem Schälchen ein oder zwei Tropfen Öl einkaufen, damit sie abends etwas kochen könne.

 

Nicht völlig leer, aber auch nicht übervoll

 

Sie lebte, und ihr Kind lebte auch. Wie damals bei der Witwe von Zerepta. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig – und trotzdem versorgt. Für mich ist das ein gutes Beispiel, dass jeder etwas zu geben hat und jeder etwas bekommt. Gott sieht unsere Situation, er weiß, wie es uns geht – ein gutes Beispiel für jeden, der kurz davorsteht, buchstäblich nichts mehr zu haben.

 

Tun wir nicht. Unsere Situation ist auf viel höherem Niveau. Und trotzdem können wir etwas daraus lernen:

 

Versorgt mit dem, was sie zum Leben braucht. Nicht auf Vorrat, nicht im Überfluss, aber genau so viel, dass es ausreicht. Genug zum Leben.

 

An den Grenzen unseres Lebens dürfen wir erfahren: Wer gibt, dem wird gegeben. Und es reicht aus.

 

Fotos: pixabay (3), Steve Volke (1)

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