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Mit dem Herzen hört man besser

Christ sein in Corona-Zeiten (6)

 

Im Wirrwarr der vielen Stimmen und Informationen fällt es immer schwerer, zu hören, was wirklich wichtig ist. Wenn Ohren und Verstand versagen, gibt es noch eine Art, richtig zu hören: Mit dem Herzen. Aber lies selbst: 

Durchschnittlich hat jeder Mensch 16.000 Worte pro Tag zu verarbeiten. Dieser Artikel dreht sich um das Thema, wie wir dabei überhaupt noch Gottes Stimme hören können. 

Bei den vielen Worten, die uns umgeben, geht es nicht nur um gesprochene Sätze. Die Kommunikation findet schon seit einigen Jahrzehnten online, d.h. digital, statt. 

Diese Statistik zeigt, was im letzten Jahr innerhalb von einer Minute im Internet kommuniziert wurde: 

Innerhalb von 60 Sekunden gab es im letzten Jahr 2020 weltweit:

  • 1,3 Millionen Loggings in Facebook
  • 4,1 Millionen Suchanfragen auf Google
  •  4,7 Millionen Videos auf YouTube angeklickt
  •  400.000 Apps in den App-Stores runtergeladen
  • 194.444 Menschen haben einen Tweet auf Twitter abgesetzt, davon sehr wahrscheinlich 100.000 von Trump im letzten Jahr
  • 190 Millionen E-Mails wurden versendet
  • 59 Millionen Nachrichten wurden über What´s App und den FB-Messenger verschickt
  • ... und noch sehr viel mehr. Tinder usw. habe ich jetzt mal weggelassen …

 

Alles in 60 Sekunden. Ich erspare es dir auszurechnen, was das für einen ganzen Tag heißt. Denn ein Tag hat 24 Stunden, sprich: 1.440 mal 60 Sekunden. Viel Spaß beim Rechnen!

 

Und Gott? Hat der auch getwittert, etwas auf Facebook geschrieben, eine E-Mail verschickt oder eine App im App-store runtergeladen?

 

Vielleicht hat er ja eine Suchanfrage auf Google für dich oder mich gestartet, weil das Internet der Platz ist, wo er uns am schnellsten und ehesten begegnen kann. 

 

Wer darf seine Botschaften in meiner Seele abladen?

 

Bei diesen vielen Worten, Botschaften, Nachrichten und Meldungen, die jede Minute auf uns einprasseln wie´s Gewitter, frage ich mich:

  • Wem gebe ich eigentlich die Macht über mein Leben?
  • Wem erlaube ich eigentlich, in mein Leben hineinzusprechen?
  • Wem erlaube ich eigentlich, meine Seele mit seinen Inhalten zu füllen?

 

  • Virologen
  • Politiker
  • Kreuz- und Querdenker
  • Endzeit-Propheten, die sich in letzter Zeit (zumindest auch im Internet) immer breiter machen

 

Wo ist eigentlich Gott in alle dem? Und wie kann ich ihn finden und auf ihn hören?

Gott zu finden und mit ihm in ständigem Kontakt zu sein (ich könnte sogar sagen: eine beständige gute Beziehung zu ihm zu haben) ist die wesentliche Grundlage für unser Leben. 

Gerade in Krisenzeiten und wenn nicht alles gerade läuft in unserem Leben.

 

Die Sehnsucht nach Gott ist so alt wie die Menschheit. Die Sehnsucht Gottes nach den Menschen ebenfalls. So lässt Gott seinem Volk im Alten Testament durch den Propheten Amos (Amos 5,4) ausrichten: „Suchet mich, so werdet ihr leben.“ 

 

Und schon sind wir mitten in unserem Problem:

„Die Stimme Gottes hören“ – wie geht das? 

 

Was brauchen wir, um Gottes Stimme zu hören?

Ich gehe mal davon aus, dass die wenigsten von uns die Stimme Gottes schon einmal laut und vernehmlich akustisch gehört haben.

Trotzdem verwenden Christen Formulierungen wie „Gott hat mir das gesagt“ oder auch „Ich habe den Eindruck, dass Gott mir klargemacht hat“

 

Redet Gott wirklich mit uns oder ist es nur Facebook?

 

Wie können wir da so sicher sein? Hat das tatsächlich Gott zu uns gesagt, oder haben wir es uns selbst gesagt?

Oder hat in unserem vermeintlichen „Gespräch mit Gott“ irgendein Tweet, eine E-Mail oder ein Facebook-Post einfach mal frech dazwischen gequatscht?

 

In vielen Situationen unseres Lebens wünschen wir uns, die Stimme Gottes hören zu können, aber wir vernehmen sie einfach nicht. Wie oft denken wir: „Ich wüsste so gerne, was Jesus jetzt zu dieser Angelegenheit sagen würde!“

Wie können wir Gottes Stimme hören? In Jeremia 29,13 sagt Gott: „Ihr werdet mich suchen und finden, wenn Ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet.“

 

Für mich stellt sich bei dieser Thematik noch eine ganz andere Frage: „Wie vertraut ist mir die Stimme Gottes eigentlich?“

 

Darf ich überhaupt verlangen, sie zu hören, wenn ich allen anderen Stimmen in meinem Leben mehr Raum gebe und mehr Gehör verschaffe als ihm?

 

Interessanterweise ist das hebräische Wort „hören“, das in der Bibel oft verwendet wird, dasselbe Wort, das auch „gehorchen“ heißt: nämlich „shama“. 

 

Wenn Gott in unser Leben hineinspricht und wir dieses Reden nicht beachten oder es einfach überhören, weil wir damit beschäftigt sind, anderen zuzuhören, dann kann sein Reden auch keine Auswirkungen in unserem Leben haben. 

 

Dann sollten wir uns aber auch nicht beschweren, wenn wir ihn irgendwann nicht mehr reden hören.

 

Das „innere Ohr“ trainieren

 

Auf Gott zu hören, beginnt also damit, dass wir uns auf ihn fokussieren und unser „inneres Ohr“ schulen. Oder anders gesagt: Sensibel halten oder sensibel machen für sein Reden. Aufnahmefähigkeit nennt man das. 

 

„Neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an …“, so lautet eine der benediktinischen Klosterregeln. Schweigen und hören, offen sein für das, was Gott über die innere Stimme des Gewissens sagen will, ist nach der Lehre der Mönche der erste Weg der Weisheit. 

 

Die Voraussetzung des Hörens ist es, still zu werden und immer wieder, die tausend anderen Stimmen um uns herum auszuschalten. 

Worum geht es eigentlich beim Hören? Es geht beim Hören auf Gottes Wort darum, die Beziehung zu bauen und Anteil an Gottes Gedanken, Gefühlen zu nehmen. Gott lässt uns in sein Herz schauen, wenn wir ihm „unser Ohr neigen“. 

 

„Wer das Lied Gottes hören und nach seiner Melodie leben möchte, der sollte das Instrument des eigenen Herzens gestimmt haben.“

 

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, lässt der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry seinen „kleinen Prinzen“ sagen. Das „Sehen mit dem Herzen“ scheint eine besondere, eine tiefere Art der Wahrnehmung zu sein. Aber das Hören mit dem Herzen ist genauso wichtig. 

 

Deshalb sagt die Bibel auch: „Mehr als alles andere behüte dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus“ (Sprüche 4,23). In anderen Übersetzungen heißt es: „Achte auf dein Herz“.

 

Jesus will uns in unseren Herzen begegnen und durch unsere Herzen zu uns sprechen. Denn das ist nachhaltiger als nur durch unsere Ohren und unseren Verstand.

 

Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo mich auf einer meiner Reisen ein ehemaliger Bankdirektor begleitet hat. Es war in Indien. Drei Tage, drei Slums – und auf einmal fing er an zu weinen. Ich sprach ihn an, was mit ihm los sei. 

Seine Antwort: „Ich habe Jesus noch nie in meinem Leben so nah gefühlt wie in den letzten drei Tagen. Er ist mir in den Armen so begegnet, wie ich ihn noch nie gesehen habe.“

            

Als ich mit einer Gruppe in Uganda war, haben wir eine Kirche besucht, die in einer sehr armen Gegend beheimatet war. Während wir im Gemeindehaus mit den Leitern sprachen, blieb unser Busfahrer, Moses, an seinem Fahrzeug, um es zu bewachen. 

Später erzählte er uns folgendes Erlebnis: Eigentlich wollte er im Bus ein bisschen dösen, aber er wurde unruhig und verließ das Fahrzeug, um einfach in der Gegend herum zu gehen. Nach etwa 500 Metern stieß er auf eine Frau, die Steine klopfte. Mit einem kleinen Hammer versuchte sie, aus Steinblöcken Kieselsteine zu machen. 

 

Moses sah sich das schwere Unterfangen eine Weile an und fragte die Frau, ob er ihr helfen könne. Und so kniete er einfach nieder und klopfte ebenfalls Steine zu Mörtel. Nach kurzer Zeit bemerkte er, dass die Werkzeuge der Frau nichts taugten. Er entschloss sich, Abhilfe zu schaffen und sagte der Frau, dass er in einer Viertelstunde zurückkommen werde. 

Er fuhr in das nächste Dorf und kaufte zwei Hammer, die er wenig später dieser Frau schenkte. Als sie sich überschwänglich bedankte, sagte sie zu ihm: 

„Dann bist du der Mann!“ – „Welcher Mann?“, fragte Moses neugierig. „Der Mann, von dem mir Gott heute Morgen im Gebet gesagt hat, dass er kommen werde, um mir zu helfen.“

 

Hören auf das, was Gott uns mitteilen möchte, selbst wenn wir eigentlich vorhatten, etwas zu dösen und uns auszuruhen.

 

Mit dem Herzen hört man besser.