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Nur ein wenig mehr Barmherzigkeit?

 

Christ sein in Corona-Zeiten (5)

 

Es gibt so vieles, was wir können, weil wir es gelernt haben: Sprechen, Schreiben, Schwimmen, Essen, die Schuhe zubinden. Barmherzig sein gehört leider nicht dazu, denn Barmherzigkeit müssen wir immer wieder neu üben. Und das gleich im doppelten Sinn.

4 einfache Wege, wo uns das gelingen sollte, findest du hier:

 

Von Steve Volke

 

Wir kennen es noch vom Flöten-, Klavier- oder Geigen-Unterricht: wer will schon gerne üben! „Üben ist ein methodisch wiederholtes Handeln, das darauf zielt, Können zu bewahren, zu erwerben oder zu steigern“, so definiert Wikipedia.

Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) wählt quasi als Motto für jedes Jahr eine sogenannte Jahreslosung aus. Diese Jahreslosung gilt vielen Christen vor allem im deutschsprachigen Raum als Leitvers für das Jahr. Die für 2021 scheint wirklich in diese Corona-Zeit zu passen:

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)

 

Das Wort „Barmherzigkeit“ gehört nicht gerade zu den aktuellen „Worten des Jahres“. Wer barmherzig ist, läuft Gefahr, ein wenig mildtätig belächelt zu werden. Barmherzigkeit und Mitleid werden oft zusammen gedacht. Der Anstoß, Mitleid zu fühlen, kommt meistens von außen. Etwas schockt uns, etwas bewegt uns, etwas erregt die „gute Seite in uns allen“ – also helfen, spenden, unterstützen wir. Und das ist auch gut so, auch wenn es oft eher punktuell geschieht.

 

Wahre Barmherzigkeit kommt aber nicht von außen, sondern von innen. Sie ist ein Wesens- oder Charakterzug, eine innere Haltung, von der unser Handeln bestimmt wird. Eine barmherzige Person ist offen für andere, ihre Situation, ihre Anliegen. Sie hat ein Herz für andere. In den alttestamentlichen Sprüchen heißt es: „Wer seinem Nächsten Verachtung zeigt, sündigt; aber wohl dem, der sich über die Elenden erbarmt!“ (Sprüche 14,21)

 

Ein umfangreiches Thema, aus dem heraus ich 4 Themenbereiche herausgreifen möchte, in denen wir Barmherzigkeit üben sollten:

1.    Barmherzig mit sich selbst sein

 

Viele von uns brauchen niemanden, der uns verurteilt, denn das können wir selbst am besten. Oft scheitern wir nicht an den Erwartungen von anderen, sondern schlicht und ergreifend an unseren eigenen Erwartungen. Kommt dann eine Krise – wie eine Pandemie – dazu, die uns den sicheren Boden unter den Füßen wegzieht, dann kommen wir schon mal ins Trudeln. Je länger sie dauert, umso unsicherer unser Gang.

 

Wir wollten doch eigentlich nur glücklich, zufrieden und sicher leben. Was ist daran so falsch? Nichts, außer vielleicht, dass wir Glück, Zufriedenheit und Sicherheit oft an den falschen Orten suchen. Aber selbst das soll uns nicht dazu verleiten, grundsätzlich schlecht von uns selbst zu denken.

 

Gott tut das übrigens nicht. Seine Wertschätzung hat dazu geführt, dass er seinen eigenen Sohn Jesus Christus opferte, damit wir wieder in eine Beziehung mit ihm kommen können. Sein Wesenszug ist Barmherzigkeit oder wie Papst Franziskus einmal schrieb: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit.“

 

Haben wir Barmherzigkeit verdient? Nein. Können wir auf die Barmherzigkeit Gottes bauen? Ja!

 

Barmherzig mit uns selbst sollten wir auch sein, wenn wir feststellen, dass wir uns mächtig auf dem Holzweg befinden, was die Einschätzung von Viren, Impfstoffen oder Schutzmaßnahmen angeht. Man sollte nicht alles glauben, was man denkt – vor allem nicht, wenn es querdenken ist …

 

2.    Barmherzig sein mit anderen

 

Die Goldene Regel, die Jesus aufgestellt hat, scheint fast für Corona-Zeiten formuliert worden zu sein:
„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch.“ (Matthäus 7,12)

 

Jesus erweitert das noch mit dem doppelten Liebesgebot: „Liebe Gott, und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Zu der Frage, wer der Nächste ist, erzählt er die weltberühmte Geschichte vom „barmherzigen Samariter“, die mit einer erstaunlichen Erkenntnis schließt: Wer ist mein Nächster? Der, dem du zum Nächsten wirst!

 

Barmherzig sein mit anderen, heißt, sie immer wieder im Blick zu behalten. Was brauchen sie? Wie kann ich sie unterstützen? Wie kann ich ihnen wirklich helfen? Und dabei – so die Goldene Regel – kann ich gerne von mir selbst ausgehen:

 

·         Was möchte ich, wenn ich am Ertrinken bin? Gerettet werden! (Selbst wenn es während meiner Flucht oder auf meinem erkauften Weg in eine scheinbar lebenswertere Zukunft geschieht.)

 

·         Was möchte ich, wenn ich in einem Flüchtlingslager auf irgendeiner griechischen Insel in der Kloake sitze und zitternd vor Kälte nicht weiß, wie es weitergeht? Ich möchte, dass Menschen auf mich aufmerksam werden und barmherzig handeln (Selbst wenn sie sich für „bessere EU-Bürger“ halten.)

 

·         Was möchte ich, wenn ich nicht weiß, ob meine Kinder den morgigen Tag überleben, weil sie – wie ich auch schon – in diesem üblen Slum in Kenia aufwachsen müssen? Ich möchte, dass jemand ihnen zu essen gibt und dafür sorgt, dass sie zur Schule gehen, etwas lernen und sich irgendwann selbst versorgen können.

 

·         Was möchte ich, wenn ich in einen Krieg verwickelt worden bin und viele aus meiner Verwandtschaft dabei ums Leben gekommen sind? Ich möchte, dass es Menschen gibt, die ihren Einfluss einsetzen, um den Krieg zu beenden.

 

·         Was möchte ich, wenn ich zu den am meisten gefährdeten Personen gehöre, für die ein falscher Umgang mit Corona tödlich enden wird? Genau, das weißt du ja bereits …

 

Mit anderen Worten: Ich möchte, dass Menschen Barmherzigkeit üben! So wie Jesus es gesagt hat: „„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch.“ – Gerade in Corona-Zeiten könnten Jesus-Nachfolger dabei „Vorreiter der Barmherzigkeit“ sein. Das würde aber bedeuten, dass sie sich nicht nur um sich selbst drehen, sondern den Blick von sich weg zu anderen wenden.

 

Das in einem weltweiten Kontext gedacht, gibt uns ein schier unendliches Übungsfeld, bei dem jeder von uns bis an sein Lebensende viele Betätigungsfelder finden wird. Wer weiß, dass er selbst von Gottes Barmherzigkeit lebt, der kann auch gegenüber anderen barmherzig sein.

 

 3.    Barmherzigkeit leben in der Gesellschaft

 

Wir leben in bewegten Corona-Zeiten. Aber wir leben nicht allein darin, sondern 7,8 Milliarden Menschen leben mit uns in diesen Zeiten. Jeder in seinem Kontext hat mit anderen Herausforderungen zu kämpfen. Auch in anderen politischen Verhältnissen.

 

Wir in Deutschland haben das große Glück, in einer gelernten Demokratie zu leben. Auch wenn uns einige Menschen in Deutschland gerade erzählen wollen, es wäre alles ganz anders, ändert das nichts an der Tatsache, dass wir in einer Demokratie mit allen ihren Vorzügen leben. Wir leben auch – im Vergleich zu vielen Ländern des Globalen Südens – in einem wirtschaftlich relativ gut aufgestellten Land.

 

Aber das bedeutet nicht, dass wir die Corona-Krise besser bewältigen werden als andere Länder. Es bedeutet auch nicht, dass unsere Solidarität nicht stark geprüft wird. Solidarität bedeutet übrigens, dass ich mich auf dieselbe Stufe mit anderen Menschen begebe, die sich in einer anderen gesundheitlichen, sozialen oder ökonomischen Situation befinden.

 

Es ist ein Akt von Barmherzigkeit, dass sie mir nicht egal sind. „Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert“, diese neutestamentliche Feststellung gilt nicht erst fürs Jüngste Gericht, sondern schon für das Leben vor dem Tod.

 

Es werden diejenigen am besten dabei zurechtkommen, die sich nicht krampfhaft verstellen müssen, sondern bei denen Barmherzigkeit eine Wesensart oder ein Zug ihres Charakters ist.

 

4.    Barmherzigkeit mit der eigenen Gemeinde

 

Christen leben nicht für sich allein, sondern sind für die Gemeinschaft mit anderen geschaffen. Und damit fangen alle Probleme an. Gerade in Krisenzeiten zeigen sich Charakterzüge, die wir an anderen – und sicher auch an uns selbst – bisher noch nicht kannten.

 

Es wird die Zeit kommen, in der wir viel vergeben müssen, wenn wir weiter gemeinsam in einer Gemeinde sein wollen.

 

Es wird sicher auch schwierig, wenn die Gemeinde der Zukunft ihren Namen ändern muss. Von „Gemeinde der Getauften“ in „Gemeinde der (Un-)Geimpften“. (Kleiner Scherz.)

 

·         Die Gemeinden der Zukunft sind Gemeinden, in denen Frieden und Versöhnung einen breiten Raum einnehmen werden.

 

·         Es sind Gemeinden, in denen man eines Sinnes sein kann, ohne in allem einer Meinung zu sein.

 

·         Es sind Gemeinden, die Unterschiede im politischen Denken aushalten und nicht mit vergewaltigten Bibelversen gerade zu biegen versuchen.

 

·         Es sind Gemeinden, in denen der Fokus nicht auf Masken, Impfungen, Weltanschauungen oder Verschwörungstheorien gelegt wird, sondern auf eine gemeinsame Nachfolge individueller Menschen mit verschiedenen Meinungen, aber einem Ziel: Gottes Liebe in dieser Welt zu verbreiten.

 

Oder anders gesagt: konkret Barmherzigkeit zu leben.

 

Die Jahreslosung 2021 ist eine große Herausforderung:

 

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)

 

Nehmen wir diese Herausforderung an?